Medienbericht

Schüler in Leipzig protestieren gegen „Bulimie-Lernen“ und Notenstress: „Schule macht krank“

Eine Woche vor dem Schulstart in Sachsen hat am Montag in Leipzig eine Initiative unter dem Titel „Schule macht krank“ über Schulangst, „Bulimie-Lernen“ und Notenstress informiert. Sie und ihre prominente Fürsprecherin Margret Rasfeld fordern eine Neuausrichtung der Schulbildung und die Umsetzung eines modernen Lernformats, das längst beschlossen wurde.

Leipzig. Für die 1,2 im Abi gab es viel Anerkennung. Doch der exzellente Notendurchschnitt hatte seinen Preis. „Ich möchte nicht erzählen, was mich das an Stress, Angst, Panik und Zusammenbrüchen gekostet hat“, schreibt jemand in einem anonymen Brief – einem von über 60, die im Reclam-Gymnasium öffentlich ausgehängt wurden und die für Wirbel sorgten. Am Montag, eine Woche vor Schulbeginn, informierten Schülerinnen, Schüler und Unterstützer im öffentlichen Leipziger Raum über Schulangst, „Bulimie-Lernen“ und Notenstress.

„Schule macht krank“ lauten Titel und Statement der Aktion, die auch Lehrende unterstützen. Eine sehr prominente Teilnehmerin am Montagmorgen ist Margret Rasfeld. Die Autorin und ehemalige Schulleiterin setzt sich als Mitbegründerin und Geschäftsführerin des Projekts „Schule im Aufbruch“ für eine Neuausrichtung der Schulbildung ein. Sie ist Entwicklerin des Moduls „Frei Day“, bei dem sich Schüler jede Woche projektbasiert mit Fragestellungen und Themen rund um unsere Zukunft auseinandersetzen, die sie selbst interessieren.

Bildungsstrategie wird nicht umgesetzt

„Das deutsche Schulsystem ist nicht mehr zeitgemäß und laugt Schülerinnen und Schüler aus“, konstatiert die 71-Jährige. Das regelrecht Tragische aus ihrer Sicht: Die vor Jahren auf den Weg gebrachte sächsische Strategie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) „ist vorbildlich, wird jedoch nicht umgesetzt.“ Die BNE soll Menschen befähigen, die Zukunft in einer globalisierten Welt aktiv, eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst zu gestalten.

Die Realität sieht noch immer anders aus, wie das „Schule macht krank“-Team anhand der schriftlichen Hilferufe dokumentieren möchte. „In der Schule lerne ich zu funktionieren“, schreibt jemand. Schlüsselwörter sind Angst, Zeitnot, „Bulimie-Lernen“ – der Begriff benennt die Praxis, sich Wissen kurzfristig aufzudrücken, um es nach den Prüfungen ohne Bildungsnachhall zu vergessen.

Auch Lehrpersonal äußert Kritik

„Uns wird vermittelt, dass wir nur etwas wert sind, wenn wir gute Noten haben“, sagt Linda. Die 17-Jährige, in wenigen Tagen Zwölftklässlerin, verliest am Burgplatz durchs Megafon Briefe von Mitschülern und kritisiert den „massiven Leistungsdruck, der vom Lehrplan ausgeht“. Auch Lehrpersonal hat sich schriftlich geäußert und klagt, dass die Vorgaben durchgepeitscht werden und ein wirkliches Miteinander unmöglich wird – weder mit den Schülerinnen und Schülern noch innerhalb des Kollegiums.

Quirin ist wichtig, zu betonen, dass sich das Stress-Problem nicht nur auf gymnasialer Ebene abspielt. „Der Druck wird schon in der Grundschule aufgebaut, existiert genauso auf Gesamtschulen und hört auch beim Studium nicht auf“, so der 16-Jährige. Caro hat das Studium der Erziehungswissenschaften und einige Zeit an Schulen absolviert. „Ich habe mich ausführlich mit dem Bildungssystem auseinandergesetzt und sehe dringenden Handlungsbedarf.“ Auch die 31-Jährige will mitmachen, um „in Leipzig die Schule zu revolutionieren“, wie das ausgegebene Ziel lautet.

„RealLabor“ wird gefordert

Als großen Schritt sieht die Initiative die Einrichtung eines „Real Labor“ mitten in der Stadt an. Hier sollen Schüler, Lehrkräfte und Eltern Erfahrungen austauschen, einander zuhören und Druck abbauen, um Schule neu zu denken. Um diese Idee sowie ihre Schulangst und den Stress zu kommunizieren, sind am Montag Linda, Quirin, Josi und Caro in Zweierteams durchs Zentrum, den Nordwesten und in den Süden geradelt, um Leute anzusprechen und die Reaktionen am frühen Abend vor dem Stadtbüro erneut durchs Megafon zu geben.

Mit überwiegend positiven Erlebnissen kehrt das Team zurück. „Viele haben uns ihre Erfahrungen mit der Schulzeit geschildert, die sich mit unserer deckt“, berichtet Linda. „Sie finden es toll, dass wir aktiv werden.“ Auf der anderen Route hat Caro unter anderem mit einer Lehramtsstudentin und zwei Obdachlosen geredet. „Der Tenor ist immer gleich: Unsere Gesellschaft ist auf Leistung orientiert und nicht auf ein nachhaltiges Miteinander, das in der Schule vermittelt werden könnte.“

„Frei Day“ wird umgesetzt

Die Beteiligten der Aktion fühlen sich ermutigt, den richtigen Weg zu gehen. Auf dem liegt – neben einem „Real Labor“ – auch die Umsetzung des „Frei Day“. In Sachsen wird das Lernformat mit dem neuen Schuljahr an insgesamt 25 Schulen gestartet, 18 davon haben ihren Sitz in Leipzig.

Erscheinungsdatum 22.08.2022
Verlag / Sender LVZ
Quelle lvz.de